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Ein Fall für zwei

Aus dem Injektion Campusmagazin (Heft 3: Schatten)
TEXT ROBERT DITTMAR / FOTO LARS PETERSEN

Redaktionsbrainstorming für dieses Heft. Redakteur Eins: »Wie wäre es, wenn jemand darüber schreibt, wie er über seinen eigenen Schatten springt?« Redakteur Zwei: »Jemand mit HÖHENANGST könnte einen Fallschirmsprung machen!« Redakteur Drei markiert den Harten: »Höhenangst hätte ich...«
Wir haben Redakteur Drei aus einem Flugzeug geworfen

Bei Verträgen lässt einen meistens das Kleingedruckte zweifeln. So ist es auch jetzt: Durch meine Unterschrift soll ich bestätigen, dass ich über die Risiken eines Tandem-Fallschirmsprungs informiert wurde. Eigentlich eine harmlose Angelegenheit, lese ich – und lese weiter, dass es bei der Landung selbst »bei größter Sorgfalt« zu Verstauchungen, Knochenbrüchen und Gehirnerschütterungen kommen kann. Unterschreiben soll ich, dass mir bewusst ist, »dass das Extrem-Risiko darin besteht, dass sich der Hauptfallschirm nicht öffnet und der für diesen Fall vorhandene Reservefallschirm ebenfalls versagt.« Das ist absolut nicht das, was ich jetzt brauche, um meine Höhenangst in den Griff zu bekommen!

Fallschirmspringen gilt als relativ ungefährlich: Auf rund 52.000 Fallschirmsprünge kam im Jahr 2005 in Deutschland ein Todesfall. Bei Tandemsprüngen gab es hierzulande erst drei Tote; zwei in den neunziger Jahren und einen im Jahr 2003. Das hält sich doch in Grenzen, sagt mein Kopf. Bist du wahnsinnig, zetert mein Bauchgefühl zurück, was hast du hier schon zu sagen? War es echt nötig, in der Redaktionskonferenz derartig das Maul aufzureißen?

Schluss jetzt! Ich ziehe das Ding jetzt durch! Hastig kritzele ich mein Autogramm. Der Verein YUU Skydive hat sein Quartier auf dem ehemaligen Heeresflieger-Stützpunkt »Hungriger Wolf« bei Itzehoe in Schleswig-Holstein. »Fallschirmspringen ist ein gefährlicher Sport, den man sicher betreiben kann«, sagt mein Tandem-Master Yorck Vettereck. »Das Gefährlichste ist dann die Autofahrt zum Flugplatz.« Schon bei über 700 Tandemsprüngen hat er seinen Passagier sicher zurück zur Erde gebracht. Also gebe ich mich ganz cool und zwänge mich in den verdammt engen Sprunganzug. Seelenruhig exerziert Yorck anschließend mit mir die Details durch: Ausstieg, Freifallphase, Schirmauslösen, Landung. Ich versuche, mich auf die Trockenübungen zu konzentrieren, doch meine Nervosität steigt.

Jetzt wird es ernst. Die kleine Cessna 182 steigt auf knapp 3.500 Meter Höhe. Ich bemühe mich, Haltung zu bewahren, ruhig zu atmen und mich mit dem Blick auf den Horizont abzulenken: Im Norden breitet sich der Nord-Ostsee-Kanal aus, im Süden die Elbe.
»Zwei Minuten bis zum Exit«, meldet der Pilot – es geht los! Mit einem Ruck öffnet sich die Tür und gibt den Blick in die Tiefe frei. Das bis eben noch gedämpfte Rauschen explodiert zu einem tosenden Sturmgebrüll, das an Anzug wie Nerven gleichermaßen zerrt. Meine Sicherheit, das hier durchziehen zu wollen, ist dahin.
Die Rebellion in meiner Magengrube kommt zu spät: Von Yorck angefeuert, kämpfe ich gegen das Würgen in meiner Kehle an und zwinge mich, einen Fuß nach dem anderen auf das Trittbrett zu setzen. Yorck schiebt mich vorwärts über den kalten Türrahmen. Nackte Panik steigt in mir auf: Vor mir breitet sich eine scheinbar endlose Leere aus, ich hänge im Nichts. Der Impuls, sich irgendwo festzuklammern, wird immer stärker. Im rechten Augenwinkel beginnt ein Muskel wie blöd zu zucken. Ich beiße die Zähne zusammen, kneife die Augen zusammen und packe die Gurte des Geschirrs fester.

Plötzlich ein unbeschreibliches Gefühl: Mein Inneres scheint sich zu entmaterialisieren. Schwerelosigkeit! Totalverlust der Orientierung! Auch dass meine Augen wie von selbst wieder aufgesprungen sind, ändert daran nichts: Alles dreht sich um mich. Oben, unten, vorne, hinten – alles eins.
Langsam stabilisiert sich die Lage. Je schneller wir fallen, desto stärker wird der Luftstrom, der uns abbremst und Halt gibt. Nun meldet sich auch der Orientierungssinn zurück; die Eingeweide senken sich wieder etwas. Und plötzlich ist die Panik vergessen! Ein überwältigendes Gefühl von Rausch und Freiheit steigt in mir hoch und treibt mir das wohl dickste Grinsen meines Lebens ins Gesicht. Yeah! Mit ausgebreiteten Armen geht es im freien Fall dem Muster aus grünen Feldern entgegen. Jawohl, sogar senkrecht nach unten kann ich jetzt schauen.

Doch es bleibt keine Zeit, um mich wirklich an dieses Gefühl zu gewöhnen: Schon berührt Yorck meine Stirn – das Zeichen, dass er gleich den Schirm auslösen wird. Verdammt, noch ist es also nicht geschafft! Die Hände ans Geschirr, den Kopf in den Nacken, Augen zu – eine, zwei, drei Sekunden... uff! Da meldet sich der Magen wieder; diesmal aus den Fußspitzen. Willkommen zurück in der gewohnten Schwerkraft. Ich muss tief durchatmen: Meine Fresse, ich habe tatsächlich vergessen zu atmen! Jetzt ist auch die Höhenangst wieder da, obwohl ich eigentlich zu sehr mit Endorphinen voll gepumpt bin, um Angst zu spüren.
Trotzdem sehe ich lieber schön geradeaus, während Yorck eine scharfe Kurve nach der anderen fliegt. Die Wiese nähert sich; ich ziehe meine Beine an… geschafft! Ich wühle mich in die Grasbüschel, presse meinen Bauch an den Boden: Die Erde hat mich wieder!

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich hier liege, bis ich einigermaßen wieder zu mir komme. Irgendwann stehe ich zwar wieder – allerdings noch lange völlig neben mir. Das fette Grinsen will für den Rest des Tages nicht aus meinem Gesicht weichen. Verdammt, Alter: Du hast es wirklich getan.


Mit Dank an Yuu Skydive (www.yuu-skydive.de)

 


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